Die EKKW im Nationalsozialismus

von Rosemarie Kremmer

Mit dem Ende des I. Weltkriegs im Jahr 1918 endet das 400jährige Bündnis von Thron und Altar. Die Gültigkeit bisheriger Kirchenverfassungen erlischt ebenso wie die kirchlichen Rechte der regierenden Fürstenhäuser. Zwischen Aufgabe des günstigen Schutzes und Gewinn neuer Freiheit, steht die Kirche zur Zeit der Weimarer Republik vor der Aufgabe, sich einen neuen geistlichen und theologischen Standort zu erarbeiten und die kirchliche Selbstverwaltung einzuführen.

1923 wird unsere Kurhessische Kirche in drei Sprengel und 26 Kirchenkreise eingeteilt. An ihrer Spitze steht ein Landesoberpfarrer. Die Landeskirchentage sind Träger der Kirchengewalt. Die Gemeinden werden von gewählten Kirchenvorständen geleitet. Die saubere Trennung von Staat und Kirche wird in der am 1. Juni 1924 in Kraft tretenden Kirchenverfassung der „Ev. Landeskirche in Hessen-Kassel“ vollzogen. Die Kirche wird auferbaut durch demokratische Wahlen auf allen Ebenen (Gemeinde-Kirchenkreis-Landeskirche), wodurch allerdings auch gefährliche kirchenpolitische Strömungen auf legalem Wege Einfluss gewinnen:
Im Zusammenhang mit der weltweiten Wirtschaftskrise nehmen auch in der Kirche Radikalisierungen am linken und rechten Flügel zu. Die Kirche steht im Kreuzfeuer der Meinungen, Überzeugungen und Ängste: Die einen treten aus, die anderen stellen sich mit den erstarkenden Nationalsozialisten auf den Standpunkt eines angeblich „positiven Christentums“ und sehnen sich nach der Wiederkehr der „Ehe von Thron und Altar“, andere sehen mit Schrecken, wie die christliche Lehre verfälscht wird…

Anfang 1933 kommt es zur staatlichen Machtübernahme durch die NSDAP unter Adolf Hitler. Diese Partei fördert die Kirchenpartei der Deutschen Christen (DC), welche Christentum und germanische Mythologie miteinander verbinden und die Bibel „von allem Jüdischen bereinigen“ will.
In Hessen-Kassel bildet sich ein Aktionsausschuss, dessen Mitglieder im folgenden Kirchenkampf gegen den nationalsozialistischen Staat führende Rollen einnehmen. Unter dem Vorsitz von Karl Bernhard Ritter bildet sich der kurhessische Pfarrernotbund, der sich als Teil der Bekennenden Kirche (BK) unter Prof. Hans von Soden zu Marburg versteht.

Für die Kirchenwahlen im Herbst 1933 soll eine Ausgewogenheit von Deutschen Christen und Bekennender Kirche im Landeskirchentag angestrebt werden. Am 13. August 1933 wird der Landeskirchentag gewählt: 60 % seiner Mitglieder gehören vereinbarungsgemäß den Deutschen Christen an.
Der Landeskirchentag am 12. September 1933 beschließt die Einsetzung einer „Einstweiligen Kirchenleitung“ (EKL), der alle Befugnisse des Landeskirchentages übertragen werden und die bis Ende des Jahres eine bischöfliche Verfassung der hessischen Kirche vorbereitet. Der staatliche Kirchenkommissar Jäger stimmt der Nominierung von D. Merzyn zum künftigen Bischof zu, wenn die EKL im Umkehrschluss der Eingliederung der kurhessischen Kirche in die geplante Reichskirche zustimme.
1934 kommen plötzlich Einwände aus Berlin, der Landeskirchentag wird für den 12. Juni 1934 überstürzt zusammengerufen. Rasch und ohne Aussprache, geschweige denn Beschlussvorlagen, soll über das Bischofsamt, die Angliederung der waldeckschen Kirche an die kurhessische und die Eingliederung der Landeskirche in die Reichskirche beschlossen werden. Der Tagesordnungspunkt „ Anschluss von Waldeck“ wird in der Sitzung vorgezogen, damit die neuen (und unrechtmäßig sofort vereidigten) DC-Mitglieder aus Waldeck die Abstimmungsergebnisse zu Ungunsten der Mitglieder der BK mitbestimmen können. Es kommt zu Tumulten und schlussendlich zum Abbruch der Sitzung, die wegen des Vorgehens und der Stimmung den Namen „Räubersynode“ bekommt. Diese Räubersynode markiert den Anfang des kurhessischen Kirchenkampfs.

Am 10. Juli 1934 wird neben der „einstweiligen Kirchenleitung“ (EKL) eine „kommissarische Kirchenregierung“ (komKR) installiert, die ausschließlich aus Mitgliedern der Deutschen Christen besteht. Da diese kommissarische Kirchenregierung aber insgesamt wenig Anerkennung in der Landeskirche genießt und die einstweilige Kirchenleitung auch weiterhin arbeitet, wird 1935 ein Landeskirchen-Ausschuss (LK Au) eingesetzt, der sowohl aus Mitgliedern der DC als auch der BK besteht. Dadurch kehrt eine gewisse Ruhe in die Leitung der Landeskirche ein. Es ist eine Besonderheit, dass eine Landeskirche in dieser Zeit von einem Ausschuss geleitet wird, in dem Mitglieder beider Richtungen die Geschicke lenken.
Wegen der Zerstörung des Landeskirchenamtes am Renthof 5 in Kassel durch die Bombardierungen im Oktober 1943, wird das Landeskirchenamt bis zum Kriegsende nach Bad Sooden-Allendorf verlegt.
Mit Kriegsende und dem Zusammenbruch des Reiches war die rechtliche Lage der Kirche so ungeklärt, dass im September 1945 die „Notsynode“ zu Treysa einberufen wird, um den Übergang zu einem neuen Rechtszustand zu schaffen.

Die Kirchengemeinde Wanfried im Nationalsozialismus
Seit dem 13. Oktober 1930 amtiert in Wanfried der Pfarrer Friedrich Rose. M.E. kann er als gemäßigter Kritiker des Nationalsozialismus eingestuft werden. In seiner Wanfrieder Amtszeit lädt er immer wieder zu aufklärenden Abenden im Gemeindesaal oder in der Kirche ein, bei denen es um Themen wie „Christentum und germanische Religion“ oder „Deutsche Glaubensbewegung und christliches Bekenntnis“ geht. Er schreibt zu einem dieser Abende: „Nach großen Schwierigkeiten wurde der Abend in der Kirche gehalten, wo an die 400 Menschen erschienen waren. Der Abend hat viel zur Aufklärung beigetragen“.

Am 13. Dezember 1933 berät der Kirchenvorstand (KV) über die „gegen Pfr. Rose erhobenen Vorwürfe“. Kreispfarrer Clermont sieht allerdings keinen Grund, disziplinarisch gegen Pfr. Rose vorzugehen. Am 18. Dezember 1933 spricht ihm der Kirchenvorstand darum das Vertrauen wieder aus. In derselben Sitzung werden die Mitglieder des KV auf die Verfassung der (von den Nationalsozialisten gewollten) Reichskirche vereidigt.
Der Gemeindesaal wird dem BDM zur Verfügung gestellt – man hilft sich. In seiner Sitzung vom 21.2.1934 beschließt der KV, den kirchlichen Jungmädchenverein in den BDM einzugliedern – dafür aber um die Genehmigung zweimal monatlicher, religiöser Abende im BDM anzufragen. Pfr. Rose schreibt dazu: „Der Kirchenvorstand hat unverständlicher Weise den seit 30 Jahren bestehenden Jungmädchenverein nicht gleichgeschaltet (dem Bund deutscher Mädchen), sondern ganz aufgelöst. Es finden nur noch religiöse Abende für junge Mädchen statt…Der Verein war durch das Verbot der „Doppelmitgliedschaft“, das durch Baldur von Schirach herausgegeben wurde, eingegangen.“
Weil immer mehr Menschen „private Stammbäume“ als sog. „Ariernachweis“ aus den Kirchenbüchern anfordern, wird hierfür künftig eine Gebühr erhoben.

Sitzung vom 24.11.1934: Der Wanfrieder Kirchenvorstand unterstellt sich der Leitung der „einstweiligen Kirchenleitung“ (EKL). Im Mai 1935 werden zwei KV-Sitzungen abgehalten, in denen Pfr. Rose über die aktuelle Lage im kurhessischen Kirchenstreit berichtet.
Am 9. August 1935 kommt es dann zu einer Art „Räubersitzung“ in Wanfried: Pfr. Rose ist nicht zugegen, den Vorsitz übernimmt sein Stellvertreter. Zehn Kirchenvorsteher sind anwesend und beschließen: „(1) Der Kirchenvorstand stellt sich hinter die kommissarische Kirchenregierung in Kassel und erkennt als seinen Kreispfarrer nur den Pfarrer Uffelmann (DC) in Grebendorf an. Gleichzeitig bittet der KV für die Dauer der Vakanz den Pfarrer Eisenberg (DC) in Datterode zum Spezialvikar zu bestimmen. (2) Der Beschluss vom 24.11.34, nach dem sich der KV hinter die einstweilige Kirchenregierung in Kassel gestellt hatte, wurde heute einstimmig aufgehoben. (3) Der KV beschließt einstimmig, den Pfarrer Eisenberg aus Datterode zu bitten, Nachfolger des Pfarrers Rose zu werden.“
Zum 15. August 1935 wird Pfr. Rose nach Großenritte versetzt.
Erich Eisenberg (11.7.1903-3.1.1996) hatte 1930 schon ein halbes Jahr Hilfsdienst in Wanfried gemacht (?). Seit 1.5.1933 war er Mitglied der NSDAP, seit 1934 in der NSV und bei den DC. (KD 1940-44, bis 1946 franz. Kriegsgefangenschaft, EK II).

Schon zur nächsten Sitzung am 3. September 1935 sind Pfr. Eisenberg und Pfr. Uffelmann anwesend. Die Ernennung von Pfr. Eisenberg wird mit einstimmigem Beschluss an die KomKR weitergeleitet. Verhandlungen mit dem eigentlich zuständigen Kreispfarrer Clermont werden abgelehnt, solange dieser den Forderungen des KV nicht zustimmt und sich bei einem Mitglied nicht für eine vorangegangene Beleidigung entschuldigt. Den Verzögerungen in der Pfarreiübergabe soll ein Ende gemacht werden, indem die Pfarreiübergabe nicht durch Kreispfr. Clermont, sondern durch ein Mitglied des KV vorgenommen wird.
Aus dem Protokoll vom 5. März 1937: „Die anwesenden Kirchenvorstandsmitglieder billigen einstimmig die kirchenpolitische Haltung des Vorsitzenden. Für die vom Führer angesetzten Wahlen zur Generalsynode wird der Kirchenvorstand den Weg der Kirchenbewegung „Deutsche Christen“ (nationalkirchliche Bewegung) gehen“.

Ab dem 23.2.1941 werden die Sitzungen vertretungsweise von dem eigentlich bereits pensionierten Pfr. Hochhuth aus Altenburschla geleitet, Pfr. Eisenberg ist im Kriegsdienst.
Ab Februar 1944 werden die Wanfrieder von Pfr. Ernst Höhmann, der seit 1.12.43 die Stelle Altenburschla innehat, mitversorgt. Die KV-Sitzungen werden von ihm mit Schriftlesung und Gebet eröffnet.
11. November 1944: Der Kirchenvorstand lehnt den Antrag des DC-Pfarrers Stelzner ab, ihm alle sechs Wochen die Möglichkeit zu geben, in Wanfried (DC)-Gottesdienste zu halten. Der KV beschließt: „wir sind einstimmig der Ansicht, dass in der Gemeinde kein Bedürfnis nach einer Änderung des gegenwärtigen Zustandes vorhanden ist“. Da Pfr. Stelzner einen neuen Antrag stellt, gibt der KV in der Sitzung vom 8. Januar 1945 nach „unter der Bedingung, dass Pfr. Stelzner Gebete, Predigt und Segen mit Amen beschließt!“ (statt mit „Heil Hitler“).

Neuordnung nach dem Krieg:
In der nächsten Sitzung -sie findet erst am 28. Mai 1945, also nach Kriegsende, statt- wird der Gemeinde der für die Übergangszeit mit der Versehung beauftragte Pfarrer Magnus Riebeling (vormals BK) vorgestellt. Seine Beauftragung geht bis September 1946. Er setzt einen deutlichen Schwerpunkt auf die religiöse Erziehung der Kinder und Jugendlichen (200 Kinder in neun Wochenstunden zzgl. der 80 Konfirmanden). Ein christlicher Kindergarten soll in Wanfried errichtet werden. Auch Gemeindeabende sollen dem Aufbau eines neuen, alten Christentums dienen. Kontakte zu „schwarzen Kriegspfarrern“ in Wanfried werden aufgenommen – den „farbigen amerikanischen“ Soldaten soll die Kirche für ihre Gottesdienste zur Verfügung gestellt werden.
Am 1. Oktober 1946 wird die Pfarrstelle Wanfried mit Pfr. Oswald Krause besetzt, der bis 1955 die Neuordnung der Gemeinde durch Bildung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen im volksmissionarischen Sinne voranbringt. In seine Dienstzeit fallen auch der Neubau der Friedhofskapelle (1949), die Inbetriebnahme des neuen, modernen Taufsteins und der Beginn des Kindergartenbaus (1955).