Predigten

Auf dieser Seite stellen wir ab und an die Texte besonderer Predigten ein. Damit Sie noch einmal nachlesen können, was die Gemeinde ausmacht.

Pfarrerin Rosemarie Kremmer:
aus der Predigt zum Volkstrauertag
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Wir haben ja hier in Wanfried einige Glocken:
In St. Nikolaus und auch hier in der Kirche.
Die Gemeinde hatte seit dem 15. Jahrhundert drei Glocken,
die im 18. Jahrhundert jeweils gesprungen waren und neu eingegossen werden mussten.
Nach dem Abriss der St. Veitskirche, als die Gemeinde ihre Gottesdienste in einer Notkirche auf dem Schloss feierte, waren diese Glocken in einem Schuppen „Auf der Grube“ aufgehängt.
Eine der Glocken musste wegen Lagerungsschäden im Juli 1901 neu gegossen werden.
Auf der einen Seite waren die Namen des damaligen Kirchenvorstandes eingraviert: Pfr. Bippart, Theodor Gerlach, von Scharfenberg, Knierim, Israel, Ungewitter, Günther und Stück…
Und auf der Rückseite stand:
„Die Lebenden rufe ich.
Die Toten hinläute ich.“

Aus dieser 1888 fertiggestellten Kirche mussten die Glocken zwei Mal zu Kriegszwecken hergegeben werden:

1917 wurden die Glocken nach einem letzten Läuten im Turm zerschlagen und aus dem Turm herab geworfen. Die Chronik schildert die Trauer und Bestürzung der Menschen,
dass der Krieg noch nicht einmal an dieser Stelle einen Halt kenne.
1921 wurden zwei neue Glocken mit einem Gewicht von 28 Tonnen gefertigt und am 30. September auf dem Wanfrieder Bahnhof mit einem großen Freudenfest in Empfang genommen.

Auf der einen Glocke stand vorne die Inschrift
„Mein Mund soll des Herrn Lob verkündigen“
Und auf der Rückseite:
„In schwerster Zeit durch Sturm und Not
erstand ich durch der Schwester Tod,
durch Heimatliebe, Opferfreude –
nur Friede sei mein Bittgeläute.“

Auf der kleinen Glocke stand vorne:
„Bete und arbeite“
Und auf der Rückseite:
„Fürs Vaterland wurden wir hingegeben –
erstanden aus Trümmern zu neuen Leben“

Am selben Tag wurden auch die Gedenktafeln für die Toten des 1. Weltkriegs feierlich enthüllt.

1938 wurde das Geläut elektrifiziert und der letzte Glöckner Christian Herwig aus dem Dienst verabschiedet.

Nur 24 Jahre nach dem Guss dieser neuen Glocken wurden zwei der drei Glocken kurz vor Kriegsende, im Januar 1945, erneut in Stücke zerschlagen, aus dem Turm geworfen und zu Kriegszwecken eingeschmolzen.

Dank vieler Spenden konnten 1950 zwei neue Glocken zu der verblieben Glocke bestellt werden.
Auf der einen steht:
„Gewalt vergeht, das Schwert zerbricht,
Gott führt allein durch Not und Licht.
Oh Land, höre des Herrn Wort!“

Und auf der anderen steht:
„Läute Glocke, läute Friede,
läute Ruh in jedes Herz.
Endet einst mein Tag hienieden,
läute du mich himmelwärts.
Jesus Christus gestern und heute,
und derselbe auch in Ewigkeit.“

Und wer weiß,
vielleicht hat beim Aufheben der Glocken ein Wanfrieder Schillers Lied von der Glocke verlesen,
an dessen Ende es heißt:

„Jetzo mit der Kraft des Stranges
wiegt die Glock’ mir aus der Gruft,
dass sie in das Reich des Klanges
steige, in die Himmelsluft!
Ziehet, ziehet, hebt!
Sie bewegt sich, schwebt.
Freude dieser Stadt bedeute,
Friede sei ihr erst Geläute.“

Unsere Glocken rufen uns. Sie rufen uns in Schillers Glocke wie in den Inschriften der Wanfrieder Glocken immer wieder zum Frieden. Zum Frieden in der Welt. Zum Frieden auch mit unserem Leben und Sterben, wenn sie läuten an der Wiege, zur Taufe, zur Trauung und auch zu unserem Heimgang auf dem letzten Weg.

Sie läuten zu den Tageszeiten, sie läuten, um das Wochenende Samstags um 14 Uhr einzuläuten,
um den Buß- und Bettag zu erinnern, um Gottesdienste anzukündigen, sie läuten zur Einsegnung unserer Konfis und zu jedem Vaterunser, das hier gebetet wird.
Unsere Glocken verbinden (kilometerweit zu hören) Himmel und Erde!

Ursprünglich riefen die Glocken in den Klöstern zum Gebet und halfen, den Tag einzuteilen.
Sie unterscheiden die Phasen von Arbeit von Phasen des Gebets und der Ruhe.
Work-Life-Balance nennt man das wohl nun: Den Ausgleich zwischen Anspannung und Entspannung,
zwischen Arbeiten und Beten.

Wenn das mal heute noch so einfach wäre, dass die Glocken das auch für uns ansagten…sie rufen jedenfalls noch dazu, sich in der Arbeit unterbrechen zu lassen, Pause zu machen, Feiertag zu halten,
zu beten.

Papst Sabinian verdanken wir es, dass Anfang des 7. Jahrhunderts die Gebetszeiten der Mönche auch für Christen außerhalb der Klostermauern galten.
Hinter unseren heutigen Läuteordnungen steckt der gleiche Wunsch wie damals:
Der Wunsch nach Struktur, nach Rhythmus …

Was Menschen mit dem Glockenläuten verbinden, ist unterschiedlich:
Für die Bauern früher war unser 11-Uhrläuten der Ruf zum Mittagstisch.
Für andere ist es einfach ein Stück Heimat, ein Klang, der nach Hause ruft –
zur irdischen wie zur himmlischen Heimat …

Kleine Kinder, wenn sie sprechen lernen,
sagen (wenn sie Glocken hören) manchmal: es glockt.
Da denke ich, hat ein Kind das Besondere der Glocken erfasst.
Es erfindet ein neues Wort für den besonderen Ton, den man sonst nicht in der Welt hört.
„Es glockt“ – das erinnert an: „es glückt“.

Dieser Ton kann Menschen erfüllen, auch wenn sie selbst gerade nicht in den Gottesdienst gehen.
Denn die Glocken stehen für die Durchlässigkeit des Kirchengemäuers.
Sie sagen an, dass Gottes Wort nicht an die Mauern dieser Kirche gebunden ist,
sondern dass Gott uns auch auf dem Sofa ereilen kann und uns helfen will, dass „Leben glückt“ kraft seiner Liebe.

Dieser Ruf der Glocken ist vielleicht dort besonders wichtig, wo Menschen krank im Bett liegen.
Wer mag, kann jeden Sonntag, wenn wir im Gottesdienst die Vaterunser-Glocke läuten,
das Vaterunser zu Hause mitbeten und so: verbunden sein mit Gott und seiner Gottesdienstgemeinde, obwohl man gerade nicht selbst im Gottesdienst sitzt …

Es glockt. Es glückt. Und unsere Gebetsanliegen werden im Schall der Glocken gen Himmel getragen.

Glockenklang tut gut!
Mitten in unserer Weltzeit
bringen sie die Gotteszeit zum Klingen.

Unsere Uhren bestimmen die Quantität der Zeit:
Wie spät ist es?
Die Glocken dagegen bestimmen die Qualität der Zeit:
Welche Zeit ist es?

Die Zeit läuft und läuft-
Wir sagen: die Uhr tickt und fragen „wie viel Zeit habe ich noch?“
So fragt einer, der ständig der Zeit hinterher hetzt. So fragt eine, die sich zu viel vorgenommen hat und sich jetzt sorgt, ob die Zeit reicht…
In den Taschen vibrieren die Handys, neben den Betten stehen die Wecker und die Küchenuhr geht vor, damit auch keiner den Bus verpasst…

Anders die Glocken:
Sie sagen: „Der Moment ist jetzt!“

Innehalten!
Vielleicht ist ja gerade jetzt die Zeit des Heils.
Jetzt ist die Zeit für Gottesdienst, für die Stunde der Taufe, die Hochzeit oder den letzten Gang.

Mitten in die Weltzeit mit ihren Zeitangaben und digitalen Anzeigen erklingt die Gotteszeit und lässt mich aufhorchen:
Gott ist gegenwärtig.
Gott ist da. Mitten am Tag – wo ich bin.
Nur einen Glockenschlag entfernt.
Der Klang entsteht wohl im Kirchturm – kommt aber doch von viel weiter her.
Ein Klang, der von Gott kommt und durch mein Ohr mitten ins Herz dringt.

Heute am Volkstrauertag dringen Gottes Glockentöne in die Gesellschaft und Gemeinde,
um zum Frieden zu rufen –
wie Wilhelm Pippart das in seinem Glockenweihegebet formulierte:

„Statt Sturmgesang, statt Kriegsgeschrei
Erklingen Friedenslieder,
hoch von dem Turm grüßt traut und treu
die Heimatglocke wieder.

So künde wahr – so klinge klar
In Glück und Sorgenschwere!
Doch nur allein und immerdar
Dem Herrn, dem Herrn zur Ehre!
So segne, segne, Herr und Gott
Die Heimatglocken heute.
Ihr Sang: dein Lied, Herr Zebaoth,
Dein Lob und Dankgeläute!“

Der Klang unserer Glocken durchbreche und durchdringe unser Leben auch in Zukunft heilsam:
Dass wir uns zum Frieden rufen lassen,
dass wir Menschenzeit und Gotteszeit unterscheiden und achten,
dass wir das ängstliche Harren der seufzenden Kreatur verwandeln in Mut und Tatkraft,
weil wir der Hoffnung trauen, die uns gegeben ist,
nämlich:
Erlösung aus den Banden der Vergangenheit
und aller menschlichen Unfreiheit
zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes!