Diesen Persönlichkeiten hat die Stadtkirche viel zu verdanken

Johannes Gleim (* 1653 bis † 1697)

Er war bekannt als der „Pestpfarrer“ und kümmerte sich im „Pestjahr“ 1682 aufopferungsvoll um seine Gemeindeglieder. In diesem Jahr beerdigte er über 300 Menschen. Die Chronik berichtet, dass er „seinem Gewissen folgte und gemäß der ihn tragenden Hoffnung seinen Dienst tat.“ Er tröstete die Erkrankten und diejenigen, die durch Tod oder Flucht ihrer Angehörigen verlassen wurden. Er ermunterte „zur Geduld und Beständigkeit im Glauben“.  Auch Konrad Wetzestein, Martin Klaus, Christian Döring, Georg Weske und Jakob Sänger werden in der Chronik als Menschen benannt, die (…) in unermüdlicher Hilfsbereitschaft und Unerschrockenheit ihren Mitbürgern halfen“. Die Pest rottete über 40 Wanfrieder Familien aus. Alle wurden außerhalb der Stadt auf dem „Pestacker“ begraben. Darunter auch der Kantor Jakob Faber, ein Freund von Johannes Gleim. Ihm zu Ehren und allen anderen zum Gedenken pflanzte Gleim im Jahr 1683 einen Lindenbaum aufs Grab. Noch heute ist diese „Pestlinde“ dort zu finden.

Vergessen sind Grabhügel und Pestfriedhof,
verfallen die schwarzen Kreuze.
Lebendig ist nur der Lindenzweig.
Er wuchs empor,
zum kräftigen Stamm,
zur mächtigen Linde,
und scheint alles zu überdauern.


Hermann Rüppel (* 1845 bis † 1900)

Der Königliche Baurat und Landbauinspektor war Architekt in Kassel. Nach seinen Entwürfen wurde die neugotische Stadtkirche gebaut. Rüppel war Architekturschüler des Wanfrieders Georg Gottlob Ungewitter (*1820 bis †1864), einem Baumeister und Lehrer an der Polytechnischen Schule in Kassel. Sein Geburtshaus steht unweit der Kirche in Richtung des Hafens.


Karl Xaver von Scharfenberg (* 1849 bis † 1922)

In Bremen geboren, kam der Königliche Kammerherr und Rittmeister 1878 nach Wanfried. Er kaufte Gut Kalkhof, Werra-Mühle, Landgrafenschloss und Keudell’sches Schloss. Als Gönner der Stadt und der Kirche finanzierte er weite Teile des Neubaus und wurde in Baurechnungen als Bauherr genannt. Kunstsachverständige schrieben ihm Kunstverständnis und Geschmack zu. Davon zeugt auch die Innengestaltung der Wanfrieder Kirche. Am 17. April 1922 starb er in Wanfried und wurde auf dem Familienfriedhof „Konsulsgrab“ beigesetzt.


Landgraf Moritz von Hessen-Kassel (* 25.05.1572 in Kassel bis † 15.03.1632 in Eschwege)

genannt „der Gelehrte“, trat 1605 zum Calvinismus über. Nach dem Grundsatz des Augsburger Religionsfriedens („Cuius regio, eius religio“) hatte der Landesherr das Recht, einen Bekenntniswechsel auch bei seinen Untertanen durchzusetzen. Allerdings war der Augsburger Religionsfrieden nur zwischen Lutheranern und Katholiken geschlossen worden, und seine Anwendbarkeit auf Reformierte war fragwürdig. Auf jeden Fall ging Moritz über den Auslegungsspielraum hinaus, als er das reformierte Bekenntnis auch in den Landesteilen einführte, die 1604 bei der Aufteilung der Erbmasse der ausgestorbenen Linie Hessen-Marburg an Hessen-Kassel gekommen waren und für die ein Konfessionswechsel durch testamentarische Verfügung ausgeschlossen war. Rechtswidrig war ebenso der erzwungene Konfessionswechsel an der gesamthessischen Universität Marburg, der 1607 die Gründung der lutherischen Universität Gießen durch Hessen-Darmstadt zur Folge hatte. Er war der Sohn des Landgrafen Wilhelm IV. von Hessen-Kassel und dessen Ehefrau Sabine von Württemberg, galt als „umfassend gebildet“, mit einer Erziehung, die ganz im Sinne von Philipp Melanchthon und Martin Bucer ausgerichtet war. Reformiert wurde er aber erst durch den Einfluss seiner beider Ehefrauen. Moritz soll acht Sprachen gesprochen haben, war naturwissenschaftlich interessiert und alchemistischen Experimenten gegenüber nicht abgeneigt. Prunkvolle Aufzüge, Ritterspiele und Allegorien waren sein Ding. Er ließ das Ottoneum in Kassel, den ersten eigenständigen Theaterbau im deutschsprachigen Raum, bauen, war kundiger Musiker und ernstzunehmender Komponist, der Heinrich Schütz entdeckte und förderte.
Verheiratet war er mit Agnes von Solms-Laubach, die am 23. November 1602 verstarb und mit der er eine Tochter und zwei Söhne, darunter den späteren Landgrafen Wilhelm V. von Hessen-Kassel, hatte. Nach dem Tod seiner ersten Frau ging er am 22. Mai 1603 mit Juliane von Nassau-Dillenburg eine zweite Ehe ein. 14 Kinder hatten die beiden, Juliane setzte durch, dass ihre Kinder ein Viertel von Hessen-Kassel als erbliche Lehen erhielten (Rotenburger Quart). So entstanden mit den drei überlebenden Söhnen Julianes – Hermann von Hessen-Rotenburg, Friedrich von Hessen-Eschwege und Ernst von Hessen-Rheinfels – die landgräflichen Nebenlinien Hessen-Rotenburg, Hessen-Eschwege, Hessen-Wanfried und Hessen-Rheinfels (jüngere Linie).
1598 wandelte Moritz seine Pagenschule in eine Hofschule für Adelige und Bürger um. Daraus entstand später das Collegium Mauritianum, das 1618 nochmals modernisiert und zum Collegium Adelphi Mauritianum umgewandelt wurde. Als erster Präfekt wurde Ernst von Börstel gewonnen.

Moritz agierte in seiner Regierungszeit öfters unglücklich und verlor zunehmend das Vertrauen der Landstände. So führte er riskante Aktionen an der Peripherie seines Territoriums durch, wie etwa den katastrophalen Feldzug an den Niederrhein gegen die spanische Besetzung des Hochstifts Münster 1598/99 oder die gescheiterte Besetzung der Koadjutorenstelle des Hochstifts Paderborn 1604. Ab 1604 kam es im Zuge des Marburger Erbschaftsstreits zu langwierigen Konflikten mit Hessen-Darmstadt. Moritz verlor dann 1623 einen Prozess am Reichshofrat, durch den er nicht nur die Marburger Erbschaft, sondern auch Teile Niederhessens sowie Schmalkalden und Katzenelnbogen als Kostenpfand abtreten musste. Seine Hinwendung zu landfremden Beratern vergiftete zusätzlich das Verhältnis zu den Ständen.

Im Dreißigjährigen Krieg, in dem Hessen zu den am stärksten verwüsteten Gebieten gehörte, brachte Moritz sich durch seine Parteinahme für die Protestantische Union und sein militärisches Engagement zugunsten des Dänenkönigs Christian IV. auch in Gegnerschaft zum Kaiser. In den frühen 1620er Jahren war die Ritterschaft nicht mehr bereit, dafür die hohen Kosten zu tragen. Endgültig brachte der Einmarsch ligistischer Truppen unter General Tilly den Bruch, als die Ständevertreter ohne Wissen des Landgrafen mit dem General in Verhandlungen traten. Moritz erhob darauf den Vorwurf des Landesverrats und verlor somit den letzten Rest Vertrauens der Stände. Am 17. März 1627 wurde er von den Landständen gezwungen, zu Gunsten seines Sohns abzudanken.
Bereits 1623 wurde Moritz durch Fürst Ludwig I. von Anhalt-Köthen in die Fruchtbringende Gesellschaft aufgenommen. Moritz erhielt den Gesellschaftsnamen „der Wohlgenannte“ und die Devise „in fleißiger Übung“. Als Emblem wurde ihm der Spindelbaum (Euonymus europaea L.) zugedacht. Im Köthener Gesellschaftsbuch der Gesellschaft findet sich Landgraf Moritz’ Eintrag unter der Nr. 80.
Nach seiner Abdankung im Jahr 1627 zog sich Moritz zunächst auf das Schloss Melsungen, dann nach Frankfurt zurück und machte später das Schloss Eschwege zu seinem Altersruhesitz. Oberhessen wurde an Hessen-Darmstadt abgetreten, und Moritzens Kanzleidirektor Dr. Günther wurde hingerichtet. Moritz fertigte auf Schloss Melsungen mehr als vierhundert Zeichnungen, Skizzen, Bestandspläne und Bauentwürfe an, die über die Stadt, ihren Grundriss und ihre Bauwerke am Anfang des 17. Jahrhunderts Aufschluss geben. Ferner war er damit beschäftigt, die Zukunft zu deuten und den Stein der Weisen zu suchen.
Landgraf Moritz starb im Alter von 60 Jahren am 15. März 1632 in Eschwege. Zu seinen Ehren wurde die voluminöse Gedenkschrift Monumentum Sepulcrale gedruckt. (Wikipedia)


Petrus Paganus (* 30.03.1532 bis † 29.05.1576 in Wanfried)

Seit Januar 1561 ist es amtlich: Petrus Paganus, hier besser bekannt als Peter Dorfheilige, wurde in den Adelsstand erhoben. Eine Abschrift der Nobilitierung und Wappenverleihung schlummert in Österreichs Staatsarchiv. Die versierte Gästeführerin Carmen Günter förderte diese Nachricht zutage. „Die Erhebung gilt auch für seinen Bruder Johannes und den ehelich geborenen Söhnen“, berichtete sie und lichtete die Urkunde vom 9. Januar 1561 ab. Unter dem 17. Juni 1560 steht über ihn zu lesen: „Hessen kann sich freuen über den Dichter, der aus den Wäldern kam, durch Hessen fließt weit die Visurgis (Wisera – Werra) auf das berühmte Wanfrid zu schwankt sie im Bogen, zügellos fließt sie durch die Landschaft…“, gemeint ist Petrus Paganus Vianfridensis Hessus.
Bevor wir in Wanfried etwas wirklich Wichtiges über jemanden erfahren, ist der meist schon tot. Bei Paganus war das auch so, der ist unter der Erde seit 1576, genauer gesagt, unter der St. Veitskirche. Er wurde nur 44 Jahre alt, aber das hatte seine Gründe: „Am 29. Mai starb dahier der Professor der Dichtkunst und Geschichte zu Marburg“, heißt es beim Chronisten Reinhard Strauss. Was für ein Anfang, der mit dem Ende beginnt. Der Professor Petrus Paganus war zu Lebzeiten nämlich ein richtiger Star mit Künstlernamen. Er kannte sich so gut in der lateinischen Sprache aus, dass er die Verse aus dem Stegreif hinschmettern konnte. Hinschmettern passt an dieser Stelle deshalb so gut, weil er beim Versemachen meistens so betrunken war, dass es ihn dabei hinschmetterte. Und dann war es auch nicht schlimm, dass keiner seiner Leute mehr das Gefasel verstand, jedenfalls den Wanfriedern war das egal, die konnten eh kein Latein. Er war aber – betrunken oder nüchtern – als guter Versmacher bekannt, genauso wie seine Kollegen Erbanus Hessus und Euricius Cordus und alle anderen Poeten des 16. Jahrhunderts.
Paganus wurde am 30. März 1532 in Wanfried geboren, ging in Eschwege zur Schule und wurde zum Weltenbummler. Er hat Belgien, Frankreich, Italien und Österreich (1554 bis 1561) gesehen. In Österreich hat ihm der Kaiser Ferdinand persönlich den Lorbeerkranz auf den Kopf gesetzt oder in die Hand gedrückt und ihn zum Oberdichter gemacht. Fotos gibt’s ja davon leider nicht. Schade, denn das war ja praktisch das Finale von „Der Kaiser sucht den Dichter-Star“, das der Peter gewonnen hat. Die nächste Dichterkrönung gab es erst wieder 1724. Mit der Auszeichnung in der Tasche ist er dann nach Marburg gegangen und hat als Professor der „Beredsamkeit und Dichtkunst“ ab 1561 den Studenten die Kunst der schönen Worte näher gebracht.
Sein Privatleben aber war ein einziges Fest. Locker und leichtsinnig soll er gewesen sein, immer ein Glas Wein in der einen und eine Frau an der anderen Hand. Das soll dann auch zu seinem frühzeitigen Tod geführt haben. Aber kurz zuvor hatte er beschlossen sich zu bessern, die Vielweiberei wollte er gegen eine Ehefrau eintauschen und verarbeitete dieses Vorhaben in seinen Texten von Schwänken und Anekdoten. Aber die Frauen, die noch zu haben waren, wollten den Dichter nicht. Ich nehme an, der hatte Mundgeruch, wegen mangelnder Hygiene der Zähne. Als er sich mit dem Singledasein abgefunden hatte, ließ er es sich bis zu seinem Ableben richtig gut gehen, trank und dichtete viel. Das berühmteste Werk entstand nicht umsonst nach einem Saufgelage bei den Herren des Deutschen Ritterordens in Marburg. Der Dichter war so blau, dass er nur noch mit Hilfe von zwei Studenten auf den Beinen bleiben konnte. Und trotzdem hat er auch dabei noch Geschichte geschrieben: „Sta pes; Sta mi pes; sta pes, ne labere mi pes! Ni steteris lapides hi tibi lectus erunt!“, heißt: „Steh Fuß; steh mein Fuß; steh Fuß; lass mich nicht ausrutschen mein Fuß! Sonst wird mir der Steinboden zum Bette!“
Nach und nach ist er dann aber doch zu der Einsicht gekommen, dass ihm eine Ehefrau vielleicht ganz gut tun könnte. Die Tochter eines Marburger Ratsherren hatte er sich darum ausgesucht. Doch bevor er deren Papa fragen wollte, ob er ihm seine Tochter und deren Mitgift übergeben könnte, wählte er den kurzen Weg und sprach die Dame selbst aufs Heiraten an. Vorher hat er sich erst mal Mut antrinken müssen und dann kurzerhand in ihr Ohr gefaselt, dass er noch im selben Jahr „Irgendeine zum Altar schleppen“ wolle. Bei 2,6 Promille und ohne ausreichende Mundhygiene war klar: die Frau will den Saufbold nicht. Dem Dichter hat sie dann erst mal erklärt, wo der Bartel den Most holt. Sie hat ihm gesagt, dass er heiraten soll wann und wen er will, denn auch sie würde heiraten wann und wen sie will. Eine bessere Abfuhr hätte der Dichter nicht fangen können. Danach wollte er wirklich nie wieder heiraten. Und das hat er durchgezogen bis zum Schluss. Der kam dann auch sehr schnell, am 29. Mai 1576, und seine Mutter hat ihn unter der evangelischen Kirche begraben lassen. Jetzt sollen seine Reste ungefähr vor dem von Scharfenberg’schen Familiensitz liegen. Eine Grabplatte gibt’s auch noch. Die hängt im Eingangsbereich der Kirche. Und während wir uns in Wanfried an ihn erinnern, beschäftigen sich die Wiener Gymnasiasten bei Lateinwettbewerben noch heute mit dem Humanisten unserer Stadt. Respekt!


Reinhard Hochapfel (* 28.04.1823 bis † 07.07.1903 in Kassel)

Der Kassler Dekorationsmaler gab der Raumschale der Kirche die farbenprächtige Fassung. Als Mensch mit vortrefflichen Charaktereigenschaften beschrieb ihn 1903 die Zeitschrift Hessenland, er übernahm Armenpflege und Vormundschaften und gründete als Künstler die Kassler Kunstgewerbeschule. „Die große Wandfläche des Treppenhauses in Schloss Friedrichshausen bei Lollar schmückt eine illusionistisch gemalte Loggia, durch die man auf eine Blumenwiese blickt. Ein Sternenhimmel überspannt den Aufgang, dessen Szenerie ein gläsernes Oberlicht in ein natürliches Licht- und Schattenspiel taucht. Urheber dieses illusionistischen Schmucks war kein Geringerer als der angesehene Dekormaler Reinhard Hochapfel (1823-1903) aus Kassel, der unter anderem auch auf Schloss Wilhelmshöhe tätig war.“ Dieses Zitat aus Monumente online sagt aus, dass Hochapfel ein besonderer Künstler seiner Zeit gewesen sein muss. Auch in der Wanfrieder Stadtkirche ist besonders der von ihm gestaltete Sternenhimmel über dem Altar bewundernswert. Heute wieder in ganzer Schönheit zu sehen.