Gott hält sich bedeckt

Die Judaistin Miriam Goldmann ist Kuratorin der Ausstellung „Cherchez la femme“, die noch bis zum 2. Juli im Jüdischen Museum in Berlin zu sehen ist. © Jule Roehr/Jüdisches Museum Berlin
AUS DER ZEIT NR. 18/2017 (Christ und Welt) v. 28. April 2017, 7:52 Uhr
Religiöse Verhüllung: „Gott hält sich bedeckt“
Die religiöse Verhüllung der Frau ist Judentum, Islam und Christentum gemein. Das Jüdische Museum in Berlin widmet ihr jetzt eine Ausstellung. Ein Gespräch mit der Kuratorin Miriam Goldmann über kulturelle Missverständnisse, Zwangsentschleierung und Lässigkeit

Von Hannes Leitlein
Frage: Frau Goldmann, wie kann ein Stück Stoff so sehr die Gemüter erhitzen?
Miriam Goldmann: Es geht ja nicht um irgendein Stück Stoff. Der Gebrauch macht den Unterschied. Das Kopftuch bietet unheimlich viel Fläche zur Projektion. Auch die vielen kulturellen Missverständnisse spielen eine Rolle. In Deutschland ist in Vergessenheit geraten, dass noch unsere Großmütter ganz selbstverständlich Kopftuch getragen haben. Das hatte praktische Gründe, keine religiösen. Viele Musliminnen handhaben das heute zum Teil genauso.
Frage: Das Kopftuch ist auch für Musliminnen ein praktisches und kein religiöses Accessoire?
Goldmann: Ja. Oft drücken Frauen damit weniger eine religiöse als eine kulturelle Zugehörigkeit aus, wenn sie etwa aus Regionen kommen, in denen es noch viel länger üblich war oder noch immer üblich ist. Das Kopftuch ist nicht immer ein dezidiertes Bekenntnis zum Glauben und auch nicht immer politisch. Auch kann es natürlich sein, dass gerade jüngere Musliminnen das Kopftuch einen Tag politisch verstehen und an einem anderen Tag tragen, weil sie es einfach schön finden. Von einer sogenannten türkischen Bindung lässt sich zudem nicht darauf schließen, dass die Trägerin tatsächlich Türkin ist. Die jungen Frauen spielen damit. Man muss also ins Gespräch kommen.
Frage: Auch in vielen muslimisch geprägten Regionen war das Kopftuch lange verschwunden und ist dann wiedergekommen. Halten Sie es für möglich, dass es auch in Deutschland wieder weitere Verbreitung findet?
Goldmann: Ich hoffe nicht unter vergleichbaren Vorzeichen wie etwa im Iran. Wir gehen davon aus, dass Frauen selbst entscheiden, was sie tragen. Diesen Fortschritt wollen wir nicht mehr missen. Und wir billigen auch allen anderen zu, ihre Kleidung selbst zu wählen. Es ist kaum vorstellbar, dass sich dieses Rad zurückdreht.
Frage: Na ja, es sind nicht gerade wenige, die das Kopftuch gerne verbieten würden.
Goldmann: Das liegt wieder an einem kulturellen Missverständnis, denke ich. Junge Frauen, die ein Kopftuch tragen, stoßen ja nicht selten auch in ihrer Familie auf Ablehnung. Die Verhüllung des Haars ist eine Provokation in alle Richtungen. Es wird deshalb oft mit dem Punk verglichen. Eine begrüßenswerte Haltung, wie ich finde. Dafür ist die Jugend da: Sie darf provozieren.
Frage: Die meisten, die sich religiös kleiden, wollen überhaupt nicht provozieren oder müssen sogar Gewalt fürchten. Manch jüdischer Mann trägt einen Hut über der Kippa, um nicht als Jude erkannt zu werden.
Goldmann: Der Grund für diese Angst heißt Antisemitismus. Juden und Muslime verbindet, dass sie ihren Glauben nach außen tragen, der durch Rituale und äußere Kennzeichen erkennbar ist. Dazu gehört die Kopfbedeckung. Das unterscheidet sie deutlich vom Christentum, das sich sehr viel mehr durch Innerlichkeit auszeichnet. Die jüdische Kopfbedeckung für Frauen provoziert niemanden, weil sie für die allermeisten unsichtbar ist oder höchstens etwas verschroben wirkt.
Frage: Sie meinen den sogenannten Scheitel, eine Perücke, die als Kopfbedeckung getragen wird?
Goldmann: Ja, darüber regt sich niemand auf.
Frage: Der Scheitel ist mir 2010 in Israel zum ersten Mal begegnet. Damals, noch mit wenig Verständnis für das Judentum, dachte ich: Ist das nicht eine Art, sich durch die Gesetze zu schummeln?
Goldmann: Es geht im Judentum darum, die Regeln zu befolgen. Das ist mit einer Perücke gewährleistet. Manch jüdische Gruppe lehnt die Perücke als Kopfbedeckung ab, weil niemand in die Verlegenheit kommen soll zu denken, eine Frau befolge die Regeln nicht. Dem begegnen orthodoxe Frauen damit, dass sie auf die Perücke noch etwas aufsetzen, sei es ein Fascinator oder ein Haarband.
Frage: Also aus Respekt vor den anderen?
Goldmann: Sie wollen ihren guten Ruf nicht riskieren. Es geht ja um soziale Gruppen, in denen immer auch eine gewisse soziale Kontrolle herrscht. Hält sich eine Frau nicht an die Regeln, hat das Auswirkungen für die ganze Familie. Daraus auszubrechen ist nicht so leicht. Aber es gibt Spielraum. Die Verhüllung ist in Judentum und Islam kein religiöses Gesetz. In der hebräischen Bibel gibt es kein Gebot, den Kopf zu bedecken, lediglich Stellen, aus denen sich ein solches Gebot ableiten lässt. Im Koran ist das ähnlich. Die Kopfbedeckung ist ein Brauch, der sich über Jahrhunderte konsolidiert hat, der natürlich von männlichen Gelehrten ausgelegt und betont und für immer wichtiger erklärt wurde. Wer sich aber davon abgrenzen will, hat die Schriften auf seiner Seite.
Frage: Das klingt ja doch so, als ginge es um eine patriarchale Auslegungstradition, der sich Frauen unterwerfen, wenn sie Kopftuch tragen?
Goldmann: Vielen Frauen ist nicht klar, dass sie sich mit Fug und Recht davon distanzieren könnten. Sie machen, was schon immer gemacht wurde. Manche, weil sie nie etwas anderes kennengelernt haben – orthodoxe Gruppen leben ja sehr abgeschieden. Aber es gibt doch immer mehr Frauen, die ihren Spielraum entdecken und auch nutzen. Es ist ja, das wissen wir alle, keine leichte Sache, sich zu trennen von Dingen, die schon immer zu einem gehört haben.
Frage: Muss man muslimische Frauen vom Kopftuch befreien?
Goldmann: Sosehr ich die Zwangsverschleierung ablehne, so wenig kann eine Zwangsentschleierung die Lösung sein. Ich sehe mit Sorge, dass religiöse Symbole etwa aus der Schule verschwinden. Wie sollen Kinder Toleranz lernen, wenn sie dem anderen, dem Fremden, nicht mehr begegnen? Und ist die Schule nicht gerade ein guter Ort dafür?
Frage: Sie würden das Kopftuch bei Lehrerinnen befürworten?
Goldmann: Ich finde es schon wichtig, dass Lehrer ihre Schüler nicht zu politischen oder religiösen Dingen beeinflussen. Gleichzeitig müssen Schüler auch das richtige Leben kennenlernen. Dazu gehören unterschiedliche politische Meinungen und religiöse Vorstellungen. Die Schulen werden immer homogener, die Stadtviertel trennen sich, die Schülerschaft trennt sich. Wenn alle sich immer ähnlicher werden, wo findet dann noch die Begegnung mit dem anderen statt? Toleranz muss man lernen, einüben, aber das geht nur mit jemandem, der anders tickt. Schülerinnen sollen auf jeden Fall das Kopftuch tragen dürfen. Bei Lehrerinnen wird es komplizierter, persönlich bin ich eher dafür als dagegen.
Frage: Anderen begegnen – für viele ist bei Burka und Nikab eine Grenze erreicht, weil gerade das damit nicht möglich ist.
Goldmann: In unserer Ausstellung zeigen wir Burka, Nikab und Tschador der Vollständigkeit halber. Wir sind hier so aufgewachsen, dass wir das Gesicht und die ganze Mimik ins Gespräch einbeziehen. Ich erinnere mich mit Schrecken an meine Jugend in Süddeutschland, an die starren Masken bei der badisch-alemannischen Fastnacht, wo man nur die kleinen Augen sieht – das hat mir panische Angst gemacht. In unserem Kulturkreis sind wir gewohnt, mit dem ganzen Gesicht zu kommunizieren. Mit Burka, Nikab oder Tschador ist das nicht möglich. Man kann das auch nicht mit einem Telefongespräch vergleichen, wo man ja total aufs Hören konzentriert ist. Mir geht das zu weit. Ich sehe aber auch nicht, dass wir dafür ein Gesetz brauchen. Dafür ist eine kritische Masse in der deutschen Öffentlichkeit nun wirklich nicht erreicht.
Frage: Die Rechtstraditionen im Islam, die das Kopftuch vorschreiben, gelten eigentlich als unwichtig. Warum sind sie dennoch so präsent?
Goldmann: Sie sind am auffälligsten, weil sie etwa in Saudi-Arabien, im Iran, wo der Islam Staatsreligion ist, vorherrschen. Aber auch dort gibt es ermutigende Beispiele, Frauen, die sich etwa in sozialen Medien ohne Kopftuch zeigen oder in Scharen das Land verlassen.
Frage: In Deutschland kennen wir das „öffentliche Ärgernis“. Ein solches scheint das Kopftuch für viele ja offenbar zu sein – könnte ein Kleidungsstück auch unter diese Regel fallen?
Goldmann: Ich fühle mich nicht berufen, zum Islam irgendwelche Statements abzugeben. Die Welt ginge aber sicher nicht unter, wenn eine Lehrerin – auch abseits des Religionsunterrichts – Kopftuch trägt. Viel entscheidender ist doch, welche Weltsicht im Religionsunterricht vermittelt wird. Das lässt sich nicht an einem Kleidungsstück ablesen.
Frage: Warum geht es immer um Frauen?
Goldmann: In unserer Ausstellung haben wir uns entschieden, nur Frauen zu Wort kommen zu lassen, aus genau diesem Grund: Weil zu viele Männer zu diesem Thema sprechen. Allerdings waren Stellungnahmen von muslimischen Frauen, die sich öffentlich gegen das Kopftuch aussprechen, schwer zu bekommen. Das hat uns erschreckt.
Frage: Dabei gibt es doch einige prominente Musliminnen und Muslime, die sich gegen das Kopftuch aussprechen?
Goldmann: Es gibt unter diesen Prominenten einige, die damit leider nicht von uns zitiert werden wollten.
Frage: Und Ihre Vermutung ist, dass diese Frauen in der muslimischen Community Repressalien fürchten?
Goldmann: Ja, das wurde uns von diesen Frauen auch so bestätigt.
Frage: Über einen Satz in Ihrer Ausstellung bin ich gestolpert: „Mit Ganzkörperbadeanzügen steht dem Badespaß nichts mehr im Wege“ – wäre da nicht die Gesellschaft, die diese Badeanzüge ablehnt?
Goldmann: Wo sagt denn heute noch jemand etwas gegen Ganzkörperbadeanzüge?
Frage: Sie zeigen zehn Meter weiter das berühmte Bild der Frau in Nizza, die von zwei Polizisten dazu gezwungen wurde, ihre Verschleierung abzulegen.
Goldmann: Dass diese Szene wirklich so stattgefunden hat, wie sie um die Welt ging, ist fraglich. Deshalb zeigen wir dort nur eine Karikatur. Die Diskussion ist absolut albern. Mir ist jedenfalls lieber, ein Mädchen kommt im Burkini zum Schwimmunterricht, als gar nicht. Man erweitert ihr Spektrum der Möglichkeiten. Wie sollen sich Frauen der Inbesitznahme ihrer Familien entziehen? Nur so kann sich der freie Lebensstil, den wir schätzen, verbreiten: Man muss den Frauen, und gerade auch den jungen Mädchen, die Teilhabe ermöglichen.
Frage: Und wenn sich die Öffentlichkeit weigert?
Goldmann: Das Kopftuch kann kein Problem sein. Bei Nikab und Burka ist die Sache klar: Damit ist keine Teilhabe möglich.
Frage: Wie steht eigentlich Gott zur Verschleierung?
Goldmann: Er hält sich, um im Bild zu bleiben, ziemlich bedeckt. In der Thora gibt es eine Stelle: Rebekka bedeckt ihr Gesicht, als sie ihrem zukünftigen Mann begegnet. Ihrem Knecht gegenüber, der einem anderen Stand angehört, aber musste sie sich nicht verschleiern. Das entspricht den mittelassyrischen Gesetzen, die vorgeben, dass Frauen sich vor Fremden bedecken müssen. Bei den jüdischen Männern ist es eine Geste des Respekts. Sie drücken damit aus, dass es noch einen über ihnen gibt. Man muss sich klarmachen, dass in der Zeit, in der die Gebote entstanden sind, Textilien sehr teuer waren. Vorschriften, an die sich viele nicht hätten halten können, ergeben keinen Sinn. Das heißt, sie werden nicht meterweise Stoff um sich herumgewickelt haben.
Frage: Müsste die Gesellschaft also einfach ein bisschen lockerer werden?
Goldmann: Eine gewisse Lässigkeit mit kulturellen Unterschieden würde nicht schaden. Zur Globalisierung gehört nicht nur, dass man an exotische Orte reist oder Waren aus jedem Winkel der Welt konsumieren kann, sie bedeutet auch, dass Menschen mit ihren Gepflogenheiten und Bräuchen hier hinkommen und wir damit leben müssen.