Bibel-Fälscher? Bibel-Retter!

Übersetzung:
Bibel-Fälscher? Bibel-Retter!
Siebzig deutsche Übersetzer korrigieren 67.830 Wörter und landen einen Verkaufshit.
Ihr Erfolgsrezept: Zurück zu Luther.

Von Evelyn Finger
AUS DER ZEIT NR. 10/2017 16. März 2017

Wer Neues will, muss sich zu wehren wissen. Der Reformator hat das früh erkannt und sich mit groben Worten gegen die feinen Verteidiger des Althergebrachten zur Wehr gesetzt. Denn Martin Luther wollte die lateinische Bibel nicht einfach durch eine deutsche ersetzen, sondern, und das war das wirklich Neue: sie „auf gut Deutsch“, in einer eigenen, unverwechselbaren, anrührenden und klaren Sprache noch einmal erschaffen.
„Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.“ So lautete einer seiner frei übersetzten Bibelverse, den die Lateiner der damaligen Zeit ganz falsch fanden, und damit hatten sie auf ihre Weise auch recht. Wörtlich übersetzt hätte die Stelle aus dem Neuen Testament heißen müssen: „Aus dem Überfluss des Herzens redet der Mund.“ Doch Luther fand, so rede kein Mensch. Einen „Überfluss des Herzens“, hielt er seinen Kritikern entgegen, gebe es im Deutschen ebenso wenig wie einen „Überfluss des Kachelofens“. Das sei kein Deutsch! Er aber befleißige sich, „gut deutsch“ zu reden, was ihm zwar nicht immer gelinge, doch: „Die lateinischen Buchstaben hindern über die Maßen, sehr gutes Deutsch zu reden.“
Gut deutsch zu reden, das gelang ihm 1522 mit seiner Version des Neuen Testaments besser als allen Übersetzern zuvor und vielleicht sogar allen danach. Er überwand den schwerfälligen Stil der Vulgata, der damals gängigen lateinischen Gebrauchsbibel, durch eine Sprache, die zugleich lebensnah und literarisch, bodenständig und himmelhoch war. Seine Methode: sich genauestens in die griechischen und hebräischen Urtexte zu vertiefen; sich dann frei zu machen vom buchstäblichen Wortlaut, um den tieferen Sinn zu erfassen; und schließlich den Mut zu haben, das ewige Wort des Evangeliums in eigene Worten zu kleiden. Selbst Friedrich Nietzsche, der vom Glauben abgefallene Pfarrerssohn, schwärmte 300 Jahre später noch von Luthers Genie.
Deshalb ist auch heute das Interesse der Deutschen groß, wenn eine Lutherbibel 2017 erscheint. Die letzte, von der evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) abgesegnete Ausgabe stammte von 1984. Zum Reformationsjubiläum erschien im vergangenen Oktober eine Revision dieser Revision, deren erste Auflage von 260.000 Exemplaren schon im November vergriffen war. Jetzt sind weitere 260.000 gedruckt. Dem schlechten Ruf Deutschlands als entchristlichte, von Kirchenaustritten gebeutelte Gegend zum Trotz hängt die Nation offenbar doch am kanonischen Text. Sei es, weil sie die Lutherbibel als Kulturklassiker sieht. Sei es, weil man die neueste Lutherbibel nun einmal haben muss.
„Sie halten ein Stück Menschheitsgeschichte in der Hand“, schreibt der Ratsvorsitzende der EKD im Vorwort und zählt die Geschichten, Liebesgedichte, Gebete, Predigten auf, aus denen das Buch der Bücher besteht. „Die Bibel ist eine ganze Bibliothek.“ So ist es seit Anbeginn – aber diese Lutherbibel enthalte wieder mehr Luther, die Zeiten des forschen Verständlichmachens sind also vorbei.

In den siebziger Jahren hatten die Revisoren noch grandiose Verschlimmbesserungen vorgenommen, so tilgten sie den Phraseologismus „sein Licht unter den Scheffel“ stellen und ersetzten ihn durch „sein Licht unter den Eimer“ stellen. Die Begründung: Heute wisse niemand mehr, was ein Scheffel sei. Das Problem: Es merkte trotzdem jeder, dass die Korrektur peinlich war. Der Schriftsteller Walter Jens rief: „Mord an Luther!“ Die Gemeinden protestierten. Und bald wurde die ganze Ausgabe von 1975 nur noch als „Eimer-Testament“ verspottet.
Neu ist eben nicht gleich neu. Und nur neu kann auch banal sein, so wie jene Weihnachtsgeschichte, in der es nicht mehr hieß „dass alle Welt geschätzet würde“, sondern „alle Welt sollte sich für die Steuer eintragen lassen“. Mit solchem Modernisierungsfuror macht die EKD nun Schluss. Nach den Bibelfälschern kommen die Bibelretter und besinnen sich auf das Sprachgenie Luther, dem die Deutschen einige ihrer schönsten Wortschöpfungen verdanken: Feuereifer, Lockvogel und Lästermaul; im Dunkeln tappen, ein Machtwort sprechen, etwas ausposaunen und friedfertig sein.
Was sich heute so eingängig liest, so als könnte es gar nicht anders sein, war das Ergebnis harter Arbeit. Man darf sich nicht davon täuschen lassen, dass Luther in seinem erzwungenen Exil auf der Wartburg in nur elf Wochen das gesamte Neue Testament übertrug. Am Alten Testament arbeitete er mehrere Jahre, zusammen mit Melanchthon und einem ganzen Redaktionsteam. Luther berichtet, sie hätten oft wochenlang ein einziges Wort gesucht und manchmal nicht gefunden. Wenn nun aber der Bibelleser mit den Augen durch die fertigen Seiten gehe, merke er gar nicht, „welche Steine und Klötze“ da vorher lagen. „Wir haben schwitzen und uns sorgen müssen, bis wir die Steine beseitigt haben.“
So muss es auch jetzt, ein halbes Jahrtausend danach, gewesen sein. Siebzig Revisoren prüften sieben Jahre lang den Luthertext, verglichen ihn mit den Ursprungstexten und den anderen wichtigen Bibelübersetzungen der Gegenwart. Sie wandelten 15 785 Verse ab, korrigierten 67 830 Wörter. Der sogenannte Lenkungsausschuss unter dem Vorsitz des Thüringer Altbischofs Christoph Kähler wollte aber kein neues Denkmal errichten. Nur in einem Drittel der Änderungen kehrten die Revisoren zum Lutherwort zurück, in den anderen Fällen ging es um Übersetzungsgenauigkeit, heutige Verständlichkeit und schließlich um Annäherung an den Zeitgeist: In der Genesis schafft Gott der Herr jetzt für Adam keine „Gehilfin“ mehr, sondern eine „Hilfe“. Außerdem wird die Anrede „Brüder“ durch „Brüder und Schwestern“ ersetzt.
Dass man darüber streiten kann, will Kähler nicht leugnen. Wenn er von der Arbeit des Verdolmetschens spricht, merkt man ihm an, dass er den gelehrten Streit genossen hat. Man merkt aber auch seine Erleichterung, dass manche wortwörtliche Korrektur sich nicht durchgesetzt hat. So heißt es bei Matthäus im Vaterunser weiterhin: „Und vergib uns unsere Schuld“ – nicht „erlass uns unsere Schulde n“. Kähler sagt, ihm sei beim Revidieren erst klar geworden, wie falsch die professorale Verachtung für das nicht wörtliche Übersetzen sei und wie sehr Luthers Sprache ergreife: „Übersetzen ist keine Wissenschaft, sondern Kunst.“
Das war Luthers Leistung: Statt mit Sprachgelehrsamkeit zu protzen, fasste er sich ein Herz und zeigte, dass die Wahrheit der Heiligen Schrift keine ist, die nur von der Kirche ausgelegt werden darf, und keine, die durch die Muttersprache allein schon verständlich wird, sondern eine, die sich auch durch Schönheit mitteilt. Die Sprache der Bibel muss schön sein, weil sie transzendent ist. Sie muss nicht unmissverständlich werden, sondern darf geheimnisvoll bleiben.
Luthers Konkurrenten, die anderen deutschen Bibelübersetzer, wetterten gegen das allzu Schöne. Sie wiesen ihm Fehler nach, korrigierten ihn. Aber immer, schon im 16. Jahrhundert, schauten sie beim Übersetzen auf seinen Text und bedienten sich heimlich daraus. Auch daran erkennt man einen Klassiker.

DIE NEUE BIBELÜBERSETZUNG: LUTHER SPRICHT WIEDER SEINE SPRACHE
Und ich bin hernieder gefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie aus diesem Lande hinaufführe in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt. (2. Mose 3, 8)
Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück. (1. Mose 3, 19)
Und du wirst tappen am Mittag, wie ein Blinder tappt im Dunkeln. (5. Mose 28)
Da ließ der Herr Schwefel und Feuer regnen vom Himmel herab auf Sodom und Gomorra und vernichtete die Städte und die ganze Gegend. (1. Mose 19, 24/25)
Tu von dir die Falschheit des Mundes und sei kein Lästermaul. (Sprüche Salomos 4, 24)
Wer zugrunde gehen soll, der wird zuvor stolz; und Hochmut kommt vor dem Fall.Besser niedrig sein mit den Demütigen als Beute austeilen mit den Hoffärtigen. (Sprüche Salomos 16,18)
Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. (Micha 4, 3)
Wer seinem Nächsten die Nahrung nimmt, der tötet ihn. Wer dem Arbeiter seinen Lohn nicht gibt, der ist ein Bluthund. (Sirach, 34, 22)
Ihr sollt das Heilige nicht den Hunden geben, und eure Perlen sollt ihr nicht vor die Säue werfen … (Matthäus 7, 6)
Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute. (Matthäus 7,26)
Und er sprach zu ihnen: Zündet man denn ein Licht an, um es unter den Scheffeloder unter die Bank zu setzen? (Markus 4, 21)
Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. (Apostelgeschichte 4, 32)
Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch,beschrieben innen und außen, versiegelt mit sieben Siegeln. (Offenbarung des Johannes, 5,1)