Heilige Schriften

Bibelübersetzungen gibt es viele. Doch welche sollte man unbedingt kennen?
Von Andreas Öhler, Raoul Löbbert und Hannes Leitlein
AUS DER ZEIT NR. 14/2017 31. März 2017

Die Bibel. Revidierte neue Einheitsübersetzung
Wer hat’s erfunden? Die Lutherbibel 2017 stahl ihr ein bisschen die Schau, als sie sechs Wochen danach, im Dezember 2016, erschien. Zu Unrecht, denn auch sie wagte eine mutige Änderung, die man so nicht erwartet hätte. Sie ist geschlechtergerechter geworden: Paulus richtet seine Rede nun an die Brüder und Schwestern. Eine Spitze gegenüber der evangelischen Rivalin konnten sich die Katholiken nicht verkneifen. Dass die Übersetzung genauer ist, ist ein Seitenhieb auf Luther, der mit den Quellen kreativ umging.
Das ist anders: Diese Bibel ist tatsächlich näher am griechischen Text. Auch zeigt sie Respekt vor der jüdischen Tradition, indem sie das Geheimnis des Gottesnamens im Judentum wahrt und nicht mehr von Jahwe spricht. Fast jede Bibelstelle klingt anders als bei Luther, moderner, schlanker, darin der Zürcher Bibel ähnlich.
Deshalb lohnt die Lektüre: Wer sich mehr für die Botschaft interessiert als für die Worte, in denen sie verkündet wird, sollte diese Bibel verwenden.
Warum diese Bibel schön ist: Sie verkörpert die Anmut des Praktikablen.
Was diese Bibel schwierig macht: Zuweilen versucht sie krampfhaft, nur nicht Luther zu kopieren, weil sie sich für älter hält. Ein wortklauberischer Streit, der die Ökumene nicht gerade fördert. (Andreas Öhler) Katholisches Bibelwerk, 2016

Gerechtigkeitsbibel
Wer hat’s erfunden? Die evangelikale Micha-Initiative ist eine internationale Kampagne, die sich für Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit in der Welt einsetzt, frei nach dem Propheten Micha, wie es auf der Homepage heißt: „Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir erwartet: nichts anderes als dies: Recht tun, Güte und Treue lieben, in Ehrfurcht den Weg gehen mit deinem Gott.“ (Micha 6,8)
Das ist anders: Diese Bibel ist bunt. Jeder Vers, der nur vage im Verdacht steht, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit in die Welt zu bringen, ist hervorgehoben in der Signalfarbe Orange. In der Heiligen Schrift, denkt da der linksalternative Kumbaya-my-Lord-Christ, geht es nur am Rande um Gott. Im Zentrum steht der Kampf gegen Ausbeutung, globalisierten Kapitalismus und individualistische Spalter, die sich die Freiheit herausnehmen, selbst die Teile farbig zu markieren, die ihnen wichtig sind.
Deshalb lohnt die Lektüre: Sie ermöglicht eine politisch korrekte Bibellektüre in weniger als drei Stunden.
Warum diese Bibel schön ist: Die Mischung aus Orange im Inneren und Grau auf dem Umschlag ist so klassisch-schick wie ein Hosenanzug von Angela Merkel.
Die schönste Stelle: Sicherlich die dick in Orange unterstrichene Warnung vor Klugscheißern und kapitalistischer Systempresse: „Hütet euch vor den Schriftgelehrten! Sie laufen gern in langen Gewändern herum und genießen es, wenn die Leute sie auf der Straße ehrfurchtsvoll grüßen.“ (Lukas 20,46) (Raoul Löbbert) Die Gerechtigkeitsbibel ist im Brunnen- Verlag erschienen.

Wulfila-Bibel
Wer hat’s erfunden? Wulfila (Gotisch für „kleiner Wolf“) war im 4. Jahrhundert Bischof der Goten in Mösien, einem Gebiet südlich der Donau im heutigen Nordbulgarien. Seine Übersetzung der Bibel ins Gotische gilt als ältestes schriftliches Zeugnis einer germanischen Sprache überhaupt.
Das ist anders: Für seine Übersetzung musste Wulfila erst einmal eine gotische Schrift erfinden. Diese besteht aus Runen sowie griechischen und römischen Buchstaben. Viele der Wörter der Wulfila-Bibel sind Neologismen: Wulfila musste sie erst erfinden, weil es für viele Begriffe im griechischen Ausgangstext bis dahin keine gotische Entsprechung gab. Zudem fehlen einige Teile der modernen Bibel in der Wulfila-Übersetzung, die Apostelgeschichte etwa.
Deshalb lohnt sich die Lektüre: Gegen Wulfilas archaische Version des Vaterunsers wirkt jede moderne Fassung des Gebets so fade wie alkoholfreies Bier gegen einen Humpen Met: „atta unsar þu ïn himinam/ weihnai namo þein/ qimai þiudinassus þeins/ wairþai wilja þeins/ swe ïn himina jah ana airþai/ hlaif unsarana þana sinteinan gif uns himma daga/ jah aflet uns þatei skulans sijaima/ swaswe jah weis afletam þaim skulam unsaraim/jah ni briggais uns ïn fraistubnjai/ ak lausei uns af þamma ubilin/ unte þeina ïst þiudangardi/ jah mahts jah wulþus ïn aiwins/ amen.“
Warum diese Bibel schön ist: Die Wulfila-Bibel gibt es in verschiedenen Fassungen. Besonders schön: Der Text des Codex Argenteus steht in Gold und Silber auf purpurfarbenem Pergament.
Was diese Bibel schwierig macht: Natürlich die Sprache. Aber zum Glück bietet jedes gute mediävistische Seminar heutzutage Grundkurse in Gotisch an. Macht sich zudem gut im Lebenslauf. (Raoul Löbbert) Der Codex Argenteus wird in der Universitätsbibliothek Carolina Rediviva in Uppsala, Schweden, aufbewahrt.

Bibel in gerechter Sprache

Wer hat’s erfunden? 1987, beim Kirchentag, gab es erstmals alternative Übersetzungen in „gerechter Sprache“. Die Idee einer Gesamtübersetzung wurde 2001 am Reformationstag vorgestellt, fünf Jahre lang arbeiteten 40 weibliche und zwölf männliche Bibelwissenschaftler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz daran. Unterstützt und begleitet wurden sie von einem Beirat aus Theologinnen und Theologen. Rückmeldungen von über 300 Erstlesenden flossen in das Ergebnis ein.
Das ist anders: Die Bibel in gerechter Sprache legt ihre Übersetzungsentscheidungen offen. Sie berücksichtigt die aktuellen Erkenntnisse der feministischen Theologie, des jüdisch-christlichen Dialogs, der Sozialethik und der Befreiungstheologie. Vielleicht wird sie gerade deshalb so kontrovers besprochen.
Deshalb lohnt die Lektüre: Weil sie umstritten ist. Wer Bestätigung sucht, sollte das Bibellesen gar nicht erst anfangen.
Warum diese Bibel schön ist: Gott hat viele Namen, die Übertragung aus dem griechischen oder hebräischen Urtext ist jeweils am Rand abgedruckt, im Text selbst werden vielfältige Umschreibungen verwendet.
Die schönste Stelle: „Glücklich sind die Frau, der Mann, die nicht nach den Machenschaften der Mächtigen gehen, nicht auf dem Weg der Gottlosen stehen noch zwischen Gewissenlosen sitzen, sondern ihre Lust haben an der Weisung Gottes, diese Weisung murmeln Tag und Nacht.“
Was diese Bibel schwierig macht: Man muss sich die Häme der Kritiker/innen gefallen lassen. (Hannes Leitlein) Die Bibel in gerechter Sprache erscheint im Gütersloher Verlagshaus.

Zürcher Bibel
Wer hat’s erfunden? Was dem Luther sein Gutenberg, war dem Zwingli sein Froschauer. Christoph Froschauer druckte 1531 die erste Gesamtausgabe der Zürcher Bibel. Zwingli war an der Übersetzung beteiligt, ihm zur Seite stand, wie Melanchthon seinem Luther, der Theologe Leo Jud. Luthers Übersetzung wurde wohlwollend anerkannt, aber dann doch fromm und frei weiterentwickelt, Luther passte das nicht. Er giftete gegen seinen Konkurrenten „Zwingel“ wegen dessen „filtzigem, zottigem“ Deutsch.
Das ist anders: Die Zürcher Bibel, vor allem die Neue Zürcher Bibel, gilt als die philologisch genauere Übersetzung, die wohl nur noch von der Basisbibel übertroffen werden wird an Exaktheit. Sie hat viel mehr und viel radikalere Revisionen durchlaufen als die Luthersche, die aus Ehrfurcht für den Konfessionsgründer nur wenig angetastet wurde. Doch immer wieder neu zu justierende Verbindlichkeiten gegenüber den Originalvorlagen verhindern eigentlich ein starres Festhalten am Text. Mit dem Züricher Modell trafen die Schweizer allerdings auch eine folgenschwere Entscheidung: Der Dialekt wurde in die Mündlichkeit verwiesen, das Schriftdeutsch ersetzte die schwyzerdütsche Kanzleisprache.
Deshalb lohnt sich die Lektüre: So wie das Schweizer Parlament aus eidgenössischen Räten besteht, die außerhalb der Republik kein Aas kennt, das Parlament aber oder deswegen prächtig funktioniert, so verhält sich das auch mit der Zürcher Bibel: Schwarmintelligenz geht vor Personenkult.
Warum sie so schön ist: Weil sie so genau ist und auf ihre Entstehung so viel Mühe verwandt wird. Und das bei jeder Revision. Deswegen ist sie auch kirchenamtlich anerkannt. 20 Jahre, von 1987 bis 2007, ließen sich die Übersetzer Zeit für die letzte Revision. Und während die Lutherausgabe von 2017 wieder den Wittenberger Stuck an die Decke pappte, ist die Züricher ohne Stuck. Eher wie ein transparenter Glasbau.
Was diese Bibel schwierig macht: Die Abkehr von Liebgewonnenem. Wir alle haben den berühmten Spruch Rut verinnerlicht, der gerne bei Trauungen verwendet wird: „Wo du bleibst, da bleibe ich auch.“ In der Zürcher Bibel heißt es nun: „Und wo du übernachtest, da werde auch ich übernachten.“ Zwischen Übernachten und Bleiben liegen nicht nur bei Liebespaaren Welten. (Andreas Öhler) Zürcher Bibel, Theologischer Verlag Zürich, 2007

Bibel für Schwoba
Wer hat’s erfunden? Der Pfarrer Rudolf Paul (Jahrgang 1933) hat ein Vierteljahrhundert an einer schwäbischen Bibelübersetzung gearbeitet, das Neue Testament wurde 2008 fertiggestellt. Wie Luther sein Deutsch über Mitteldeutschland verbreitete, hoffte auch Paul, das Schwäbische mit seiner eigens entwickelten Lautschrift als ernsthaften Dialekt zu rehabilitieren.
Das ist anders: Der Pfarrer im Ruhestand beherzigte, was Luther als Dolmetzsch immer forderte: dem Volk aufs Maul zu schauen. Pauls Mundartpredigten und Gottesdienste stärkten die Kirchenverbundenheit.
Deshalb lohnt die Lektüre: Auch Jesus sprach im galiläischen Dialekt, jenseits des Kirchenlateins der Liturgie wurde der Glaube in Mundart erfahren und weitergegeben. Dort liegt die Kraft des Volksglaubens.
Warum diese Bibel schön ist: Weil sie nicht nur den Glauben über den Dialekt näher zu den Menschen bringen will, sondern auch den Dialekt über den Glauben wieder zu seinem kulturellen Fug und Recht verhilft.
Was diese Bibel schwierig macht: Menschen, die dem schwäbischen Dialekt nicht gewachsen sind, werden so viel verstehen wie Gotisch. Nämlich nichts. (Andreas Öhler) Rudolf Paul: Bibel für Schwoba, Verlag Haus der Volkskunst, 2014